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Kulturelle Hybridität in der Musik der Syrischen Kirchen

 

Kulturelle Identitäten befinden sich seit jeher im Wandel. Ein Beispiel solcher Wandlungsprozesse bietet die Musik der Syrisch-Orthodoxen Kirche aus dem vierten Jahrhundert. Das Adjektiv „syrisch“ in der Bezeichnung dieser orientalischen Kirche bezieht sich auf eine nationale Identität, die Entwicklung und das Charakteristische ihrer Musik lässt sich aber durch transnationale und -kulturelle Begegnungen erklären.

In dem Dreiländereck von Syrien, Irak und Türkei befindet sich ein fruchtbares Gebiet, das Mesopotamien genannt wurde. In diesem Gebiet ist aus verschiedenen ethnischen und religiösen Elementen ein kulturelles Mosaik entstanden, das durch die Zeiten eine wechselhafte Entwicklung durchlief. Hier wurde in der Frühzeit des Christentums die Syrische Kirche als Nationalkirche der syrisch-christlichen Communities (Surian, Assyrer, Chaldäer), die Nachfolger der Aramäer, gegründet. Ihre Missionen bezogen das gesamte Gebiet des Römischen Reiches ein, dem damals Syrien angehörte. Die christlichen Communities lebten hier unter der Herrschaft von wechselhaften Mächten – dem Osmanischen, dem Arabischen-Islamischen, dem Römischen und dem Persischen Reich – und waren immer Teil ihrer Gesellschaften.

Die Syrischen Kirchen[1] verfügen über eigene Liturgien und eigene Musiktraditionen. Die ca. 800 Melodien, die das Gesangsbuch der Syrischen Kirchen, der Beth Gazo, umfasst, sind Zeugen von der Flucht, Vertreibung und Migration ihrer Träger*innen. Die Entstehung in einer Umgebung mit wechselhaften Machtverhältnissen bedeutete für diese Musikkultur zwar immer auch die Gefahr, in Vergessenheit zu geraten und verloren zu gehen. Zugleich aber hat der beständige Austausch der syrisch-christlichen Musiker*innen mit ihren nachbarschaftlichen Völkergruppen und Ethnien eine bereichernde Interkulturalität hervorgebracht: Im Beth Gazo befinden sich Hymnen aus der auf Griechisch verfassten Literatur, in den Melodien erklingen Tonarten aus der arabisch-islamischen Musikkultur (Maqamat).

Viele syrische Christen mussten in mehreren Wellen durch die Geschichte bis in die Gegenwart aufgrund schwieriger Lebensbedingungen ihre alten Siedlungsgebiete verlassen. Durch politische Verfolgungen, Vertreibungen, Naturkatastrophen oder religiöse Intoleranz lebt die Mehrheit der syrischen Christen seit Beginn des 20. Jahrhunderts zunehmend in der westlichen Diaspora. Die größten syrisch-christlichen Communities leben heute in Schweden, Deutschland, den Niederlanden, den USA und Kanada. Dort finden sie eine neue Heimat, in der sie ihre religiöse und ethnische Identität neu entwerfen und erweitern. Der kulturelle Austausch war auch für die Musik der Syrischen Kirchen anregend. So ist es heutzutage üblich, dass die Beth-Gazo-Musik in der liturgischen Praxis von Musikinstrumenten wie Keyboard, Oud oder Qanun begleitet wird. Vor einigen Jahrhunderten wäre dies undenkbar gewesen, war diese Musik doch ursprünglich eine reine Gesangsmusik. Auch Versuche der Mehrstimmigkeit oder Transkriptionen der Melodien nach dem europäischen Notationssystem zeugen von einem durch den transkulturellen Austausch geförderten Wandel dieser (Musik-)Kultur.

Migration und interkulturelle Begegnungen haben Gesellschaften seit jeher geprägt und miteinander verflochten. Heute entfalten Migration und kulturelle Austauschprozesse zunehmend eine transnationale Dynamik. Dennoch wird zumindest unbewusst oft noch an einem traditionellen Kulturverständnis festgehalten, das Kulturen als klar abgrenzbare, stabile Entitäten konzipiert, die in nationaler, ethnischer oder religiöser Hinsicht homogen sind und von anderen „Kulturkreisen“ eindeutig unterschieden werden können. Weder wird ein solches Verständnis der inneren Differenziertheit von Gesellschaften und Kulturen noch der von Individuen gerecht. Es vermag also nicht zu fassen, dass Menschen aus Kulturgruppen, die ihren Lebensort gewechselt haben, durch mehrere Kulturen geprägt sind. Bis heute halten viele Kulturträger*innen aus der NAWA-Region wie die kurdischen, arabischen, christlich-orientalischen Kulturen an einem solchen Verständnis von Kulturen als „Kulturkreisen“ fest. Um ihre Kultur zu schützen, sind sie beständig darauf bedacht, die vermeintliche Authentizität, Reinheit und Ursprünglichkeit von Traditionen zu bewahren. Die Kulturen haben aber ihre Entstehungsorte und damit ihre Kontexte erweitert, die vorausgesetzten Grenzen zwischen den Kulturkreisen werden durch die Aneignung neuer kultureller Ästhetik, Werte und Handlungsweisen überschritten.

Zeitgenössische migrierte Künstler*innen, die sich als arabisch, kurdisch, syrisch-christlich etc. identifizieren, haben mindestens zwei kulturelle Bedeutungssysteme verinnerlicht, sie sind bi- und multikulturelle Menschen mit hybriden Identitäten. Dies bereichert ihre Kunst, stellt aber gerade für die jüngeren Generationen eine Herausforderung dar, ihre kulturelle Identität in der Mehrheitsgesellschaft neu zu definieren. Zwar ist die Veränderung einer kollektiven Identität nicht das Resultat der Veränderung von Einzelnen, sondern immer in größere soziale Prozesse wie Migration, Kulturaustausch oder Globalisierung eingebettet. Einzelne Subjekte können aber durchaus Multiplikator*innen solcher Veränderungen sein. Welche Wege dieser Wandel beschreiten kann, kann durch die kulturelle Bildung aufgezeigt werden.

In den Bildungssystemen der arabischen Länder ist der Begriff der kulturellen Bildung zumeist mit dem assoziiert, was dort bis heute im Nationalkundeunterricht über Kultur vermittelt wird. Welche wichtige Rolle Kunst und Kultur in einer Gesellschaft spielen können, bleibt in den arabischen Bildungssystemen noch immer ausgeblendet. Kulturelle Bildung ist unerlässlich um den migrierten kulturellen Minderheiten wirkliche kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Erst durch sie können marginalisierte Kulturträger*innen repräsentiert und ihre Individualitäten sichtbar werden. Im Kontext der Migration kann die kulturelle Bildung aufzeigen, dass bi- und multikulturelle Menschen keine homogene Masse bilden, sondern sie ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen, Kulturen und Künste nicht kulturalisiert, instrumentalisiert und ausgegrenzt werden.

Die Geschichte der syrisch-christlichen Musik zeigt, welche bedeutsame soziokulturelle Rolle die Gemeindemusik für den kulturellen Austausch spielt. An Kulturen der NAWA-Region lässt sich beobachten, wie die nebeneinander bestehenden Musikkulturen desselben Kulturraums voneinander beeinflusst wurden und sich gegenseitig bereichern. Wie vor dem Hintergrund hybrider Identitätsbildungsprozesse die „Zukunftsmusik“ dieser Region klingen wird, bleibt nur zu erahnen.


[1] Die Pluralform steht für mehrere syrische Kirchenorganisationen mit unterschiedlichen Patriarchaten, Gemeinden, Liturgien und Kirchentraditionen, die sich in Ost- und Westsyrische Kirchen gliedern lassen.

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